Anlässlich der Renovation der städtischen Liegenschaft Brunngasse 8 wurde 1996 im 1. Obergeschoss eine bedeutende Wandmalerei entdeckt. Sie wird auf das erste Drittel des 14. Jahrhunderts datiert. Das Haus war zu jener Zeit im Besitz einer jüdischen Familie, wie mehrere erhaltene Urkunden belegen. Ein grossflächiger Saal von 76 m2 diente der Familie als Repräsentationsraum für jüdische und christliche Besuchende. Seit November 2020 ist der Ort als «Schauplatz Brunngasse» öffentlich zugänglich.
Schauplatz
Frau Minne, ihre Söhne Moses ben Menachem, Mordechai ben Menachem und eine nicht genannte Tochter sind seit den 1320er Jahren in Zürich urkundlich belegt. Über den Verbleib von Minnes Mann Menachem ist nichts bekannt. Frau Minne als Witwe war deshalb das Familienoberhaupt. Moses ben Menachem gilt als identisch mit Rabbi Moses, dem Autor des «Zürcher Semak». Er unterhielt eine kleine Toraschule, vermutlich in der nahe gelegenen mittelalterlichen Synagoge an der Froschaugasse 4. Die Quellen zeigen, dass die gesamte Familie im Kreditgeschäft tätig war.
Ungefähr zur gleichen Zeit wie die Wandmalerei entstand in Zürich eine der berühmtesten Handschriften des Mittelalters, der «Codex Manesse». Die Anthologie umfasst die Lieder bedeutender Minnesänger des 13. Jahrhunderts. Die Wandmalerei am Schauplatz und die Buchmalerei im Codex weisen in gewissen Aspekten eine frappante Ähnlichkeit auf. Möglicherweise wurden sie von denselben Künstler*innen gestaltet.
Aufbau der Malerei
Die Wände des Saals waren früher vollflächig bemalt. Die Malerei gliedert sich in vier Zonen, ganz oben ein Pflanzenfries gefolgt von einem Wappenfries. Die Wappen sind jeweils mit einer feinen hebräischen Beschriftung versehen. Den Blickfang bilden die darunter liegenden Bildzonen. Auf der Ostwand ist ein Reigen von tanzenden Bauern und adeligen Damen zu sehen, auf der Westwand ein Paar bei der Falkenjagd. Auf der Südwand ist möglicherweise die biblische Figur von Esau abgebildet. Die letzte Zone zeigt die Illusionsmalerei eines Stoffbehangs.
Die zwei Lesarten der Malerei
Die Malerei präsentiert beliebte Motive der höfischen Kultur. Diese wurden sowohl von vermögenden Stadtzürcher*innen als auch von der jüdischen Familie geschätzt, denn sie boten Anlass zur gemeinsamen Unterhaltung. Den Kontrast zwischen tanzenden Edelfrauen und Bauern sowie die Gefahren der Falkenjagd könnten jüdische Betrachter*innen als Warnung verstanden haben, sich nicht zu sehr auf die verführerische modische Welt einzulassen.
Die erste jüdische Gemeinde Zürichs entstand Mitte des 13. Jahrhunderts. Das kirchliche Zinsverbot für Christen und Berufsverbote führten dazu, dass Jüdinnen und Juden, die sich in Zürich niederlassen wollten, vom Rat zum Geldverleih verpflichtet wurden. Die Rahmenbedingungen für das Kreditgeschäft, wie etwa die hohen Zinsen, wurden von der christlichen Obrigkeit festgelegt.
Die damaligen Gemeindemitglieder lebten meist im näheren Umkreis der Synagoge an der Froschaugasse. Es war trotzdem kein jüdisches Viertel, sondern ein Quartier, in dem christliche und jüdische Bewohner*innen Tür an Tür lebten. 1349 kam es in vielen Städten Europas zu einem Ausbruch von antijüdischer Gewalt. Nachdem die Pest Europa erreicht hatte, wurde der jüdischen Bevölkerung die Schuld an dieser Krankheit zugewiesen. Dies geschah auch in Zürich. Am 23. Februar 1349 wurden die Männer der ersten jüdischen Gemeinde verbrannt, die Frauen und Kinder aus der Stadt vertrieben. Die Krankheit diente vermutlich als Vorwand, um sich der Schulden zu entledigen. Das jüdische Eigentum wurde von der städtischen Obrigkeit eingezogen. Das Haus von Frau Minne wurde vom Johanniterorden erworben. Heute gehört die Liegenschaft der Stadt Zürich.
2025
Jubiläum: Das Museum feiert sein 5-jähriges Bestehen.
2020
Eröffnung des Museums Schauplatz Brunngasse im November.
2019
Gründung des Vereins Brunngasse 8 (heute: Verein Schauplatz Brunngasse).
2018
Silvana Lattmann zieht mit fast 100 Jahren aus.
1996
Bei Renovationsarbeiten wird die Wandmalerei entdeckt. Die Stadtarchäologie legt diese frei, Silvana Lattmann zieht ein.
1954
Das Haus geht in den Besitz der Stadt über.
1861
Der Spengler Jakob Linsi kauft den «Brunnenhof».
1796
Das Haus wird an den Küfer Johannes Burkhard verkauft.
1793
Der Ratsprokurator Hans Konrad Beyeler wird neuer Besitzer.
Um 1650
Der Seidenbandproduzent Andreas Pestalozzi erwirbt das Haus.
1536
Das Haus befindet sich im Besitz des Kaufmanns Hans Schärer.
Um 1500
Das Haus geht in den Besitz von Söldnerführer Göldlin über.
1359
Letzte Nennung von Frau Minne in einer Urkunde vom 11. November.
1357
Brunngasse Nr. 6 und 8 gehen in den Besitz der Johanniter-Komturei von Leuggern über.
1354
Entstehung der zweiten jüdischen Gemeinde in Zürich.
1349
Ermordung und Vertreibung der ersten jüdischen Gemeinde in Zürich am 23. Februar unter dem Vorwand der Brunnenvergiftung im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Pest.
1345
Das Haus wird von Moses ben Menachem und seiner Frau Halde an ihren Schwiegersohn Fidel verkauft.
Um 1330
Bau des Hauses. Die heutige Nr. 8 wird an einen steinernen Wohnturm aus dem 13. Jahrhundert angebaut, die heutige Brunngasse Nr. 10.
1329
Erste Erwähnung von Moses und Mordechai ben Menachem, den Söhnen von Frau Minne in einer Urkunde vom 31. Januar.
1324
Erste Erwähnung von Frau Minne in einer Urkunde (11. September).
1260
Entstehung der ersten jüdischen Gemeinde in Zürich.